Lesung aus Band I „Warum einfach, wenn’s auch Stine geht?“

Am 5.10.2019 um 15 Uhr veranstalte ich im DRK-Shop „Schwester Henny“ in Harburg, Harburger Ring 8-10, 21073 Hamburg eine Lesung mit der Möglichkeit im Anschluss Fragen zum Thema zu stellen.

Dies ist eine Veranstaltung die triggern kann, d.h., dass bei jemandem, der ähnliches erlebt hat, während des ersten Kapitels sog. Flashbacks auftreten können. Damit das aber keine traurige Veranstaltung wird, sind die nächsten Abschnitte eher humorvoll mit einer Portion Ironie und Galgenhumor. (Großes Foto © DRK )

(Foto li.©Harald Halpick)

Was für ein Nachmittag! Ich sichte zur Zeit die Bilder und stelle sie dann ein. Danke an alle, die vor Ort waren, mich begleitet und unterstützt haben!

Habe mir das ok geholt, ich darf das so abbilden. Was bei Twitter als Kennenlernen begann, wurde zu einer Freundschaft. Ich war zu Tränen gerührt und wurde mit Blumen begrüßt.

Ohne Harvey wär ich schon tot.

2008 – dritter Klapsenaufenthalt

Mit den Harveys dieser Welt ist das so eine Sache. Den bekanntesten Harvey, seines Zeichens Hase, sieht man meistens nicht. Und wenn man ihn dann zu sehen bekommt – au Backe.

Mit meinem Harvey ist das nicht anders. Nur schlimmer. Denn wenn ich mich recht erinnere, ist der Hase Harvey irgendwie ein lustiges Kerlchen, sieht auch so aus und verbreitet gute Laune. Das kann ich von meinem Harvey nicht sagen. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Mein Harvey vermittelt meinem direkten Umfeld ein Gefühl von Unnahbarkeit, Stärke, Schlagfertigkeit und einem meist mehr als gesunden Selbstbewusstsein. Das ist in vielen Situationen als Frau unheimlich hilfreich, bei der Suche nach dem richtigen Partner aber eher kontraproduktiv. Welcher Mann wagt sich an eine Frau, die nicht nur 1,83 Meter groß ist, sondern ihm auch in Millisekunden nonverbal klarmacht: »Dich brauche ich schon mal gar nicht und kennenlernen tut deswegen auch nicht not.«

Das kann nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden, da der arme Mann schon bevor er sich überlegt hat, wie er ein Gespräch anfangen könnte, in die Flucht geschlagen wird. Meinen Freunden kann ich nur danken, dass sie sich vor Jahren nicht von Harvey haben vergraulen lassen, sondern konsequent hinter die Fassade geschaut haben, ob da vielleicht doch jemand Nettes wohnt.

Meinen Harvey zu entdecken hat schlappe 40 Jahre gedauert. Die Entdeckung habe ich Intuition und einem Zufall zu verdanken. Dabei glaube ich gar nicht an Zufälle. Jedes Geschehen hat für mich seine Berechtigung, irgendeine Bedeutung. Meistens zwar nicht unmittelbar verständlich, doch später im Geflecht mit anderen Situationen für mich oft einfach logisch.

Ich war im April 2008 mal wieder in einer psychosomatischen Klinik. »Mal wieder« klingt nach Lebensunfähigkeit, Routine oder großem Dachschaden. Suchen Sie sich aus, was Ihnen am besten gefällt. Aber es nützt nichts, will ich bei der Wahrheit bleiben, muss ich gestehen, dass ich mit diesem weiteren, sechswöchigen Kuraufenthalt 2008 insgesamt fast ein halbes Jahr in psychosomatischen Kliniken zugebracht habe. An anderer Stelle wird der geneigte Leser erfahren, warum dem so ist.

Als alter Therapiehase kann ich solchen Klinikaufenthalten ungemein viel abgewinnen. Das mag sicher daran liegen, dass ich mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehe und Zusammenhänge verstehen will. Auch psychisch.

Zurück zu Harvey. Ich liege gemütlich eingekuschelt in meinem schönen Klinikbett und sehe mir einen Film mit Richard Gere an, der mich fesselt. Ich meine den Film. Dummerweise kann ich mich beim besten Willen nicht an den Titel erinnern. Als der zu Ende ist, wasche ich mein Gesicht, putze mir die Zähne und gehe zu Bett.

Und da passiert irgendetwas Seltsames mit mir. Ich werde innerlich total elektrisch. Direkt unter der Haut über meinem Magen fühlt es sich an wie fließender Strom. Habe das Gefühl, mein Solarplexus möchte auswandern. Egal wohin, nur raus aus mir.

An Einschlafen ist nicht mehr zu denken. Ich sinniere so vor mich hin und weiß, hier stimmt etwas nicht. Ich komme mir vor wie ein Panther auf dem Sprung. Nicht, dass das ein neuer oder seltener Zustand ist. Ich bin meistens elektrisch. Innerlich. Aber dieses jetzige Gefühl lässt mich erahnen, dass da gerade etwas in meinem tiefsten Innern losbricht. An der Peripherie spüre ich deutlich die Macht, die Schwere der Bedeutung.

Mein Unterbewusstsein möchte mir etwas mitteilen. Das ist mir schlagartig klar. Und ich will das nicht. Ich weiß nämlich, dass das für den Moment nichts Gutes bedeuten kann. Angst macht sich breit. Nackte, kalte Angst. Am liebsten würde ich weglaufen. Ohne meinen Kopf und das sich darin befindende Unterbewusstsein, versteht sich.

Sofort bekomme ich Magenschmerzen. Ich habe sonst nie Magenschmerzen und deshalb weiß ich, die nächsten Minuten werden nicht lustig. Sie werden nicht nur nicht lustig, sie werden die gefühlte Hölle. Wenn man etliche Therapiestunden hinter sich gebracht hat und aufmerksam mit sich umgeht, lernt man Stimmungen zu deuten. Und ich kann mittlerweile spüren, wenn es ans Eingemachte geht.

Dies ist so eine Situation. Und es ist grausam. Ich weiß, dass es mir helfen wird, aber ich will den Weg zur Erkenntnis vermeiden. Da das aber so nicht funktioniert, muss ich dieses Gefühl jetzt zulassen. Mich darauf konzentrieren, dass mir mein Unbewusstes etwas mitteilen möchte.

Nach 14 Jahren Therapie dachte ich doch tatsächlich, ich hätte schon alles herausgefunden. »Was gibt’s denn noch?«, denke ich und will es eigentlich gar nicht wissen. Also stehe ich auf, setze mich wie ferngesteuert an den Schreibtisch, schalte die kleine Lampe an und hole Malzeug aus einer Schublade.

Vor mir liegt ein DIN-A3-Blatt, weiß und unschuldig. Ich starre darauf und ganz unvermittelt laufen mir die Tränen übers Gesicht. Von einer Sekunde zur nächsten bin ich deprimiert und unsagbar traurig. Ich weine. Minutenlang. Und spüre einen schier unerträglichen Schmerz, eine große Wunde an meiner Seele. Was kommt heute zum Vorschein? Bitte keine üblen Erinnerungen mehr aus der Kindheit. Es ist kaum zum Aushalten.

Ich wische mir die ersten Tränen weg und putze mir die Nase. Puuuhh. Ein kleiner Moment zum Innehalten. Und wie einem lautlosen Befehl gehorchend stehe ich auf, fülle ein kleines Glas mit Wasser, setze mich wieder und greife zu meinen Tuschefarben.

Jetzt MUSS ich malen. Sofort. Keine Ahnung, was ich malen soll. Ich denke an nichts. Und auf einmal, wie besessen, fliegt der Pinsel mit meiner Hand über das Papier. Wieder laufen mir die Tränen über das Gesicht. Die Last von knapp 40 Jahren sitzt mir auf der Seele und schreit alles heraus. In mir sitzt tiefe Trauer; das Elend meiner durch Missbrauch geprägten Kindheit, die gewaltsamen Gefühlsausbrüche des Vaters und die hilflose, feige Mittäterschaft meiner Mutter während all der Jahre und der gesamte Verrat meiner Eltern.

Ungefähr 20 Minuten später schaue ich bewusst auf das, was da jetzt in erschreckenden Proportionen zu Tage getreten ist. Und bin entsetzt. Nicht etwa, weil ich denke: Schlechter Malstil. Nein, ich bin entsetzt über das, was meinem Unbewussten da entsprungen zu sein scheint. Und kann es kaum fassen. Vor mir liegt offenbar die Lösung eines Problems, das mich über die Jahre fast meine gesamte Energie gekostet hat. Und glotzt mich an.

Ein Monster, mit stahlharten Augen, die allein durch ihre Ausstrahlung abschrecken, einem nackten, überdimensionierten Gehirn darüber, das dazu dient, sofort praktikable Lösungen zu erarbeiten, egal, um welches Problem es gehen mag. Mit einem zynischen Mund, bestehend aus großen, blassroten Lippen – Schlagfertigkeit macht unangreifbar – und einem Körperbau als menschliches Skelett mit großen Muskeln. Eine Gestalt, die jedes Vorhaben in die Tat umsetzen kann. Natürlich ohne jede Hilfe. Kein Herz, wo eines sein könnte oder sollte. Dieser »Roboter« hat nichts Weiches an sich. Nur knallharte Funktionalität.

Erschrocken stelle ich fest, dass mich so mein Umfeld wahrnimmt – kein schöner Gedanke.

Ganz klein und zart und nur ein Zehntel des Blattes einnehmend, habe ich in der unteren rechten Ecke ein kleines Mädchen gemalt. Blond, mit einem schüchternen Lächeln. Was mir wieder die Tränen in die Augen schießen lässt, ist das überdimensionale Herz des kleinen Mädchens, es leuchtet mir blutrot entgegen. Und das Wort, über dem Mädchen, auch in blutrot: HELP!

So ist das also. Das meiste, was mich ausmacht, scheint dieses Monstrum zu sein. Und irgendwo tief versteckt gibt es ein kleines Mädchen. Wo in mir befindet es sich? Wieso kenne ich es nicht? Da ich es so klein gemalt habe, befürchte ich, dass es nur selten Gelegenheit gehabt hat, Hallo zu sagen.

Die Aufteilung von Stärke und Funktionalität auf der einen und dem verschütteten, sich nach Liebe und Geborgenheit sehnenden Mädchen auf der anderen Seite lässt mich erschaudern. Für einen Moment bin ich wie vor den Kopf geschlagen. Ist das hier die Antwort auf mein bewegtes, ruheloses, gehetztes Leben? Der Schlüssel zu so vielen vertrackten Situationen und vermeintlich »selbst gestrickten« Katastrophen? Wie geistig umnachtet starre ich auf das vor mir liegende Bild. Ich kann das kaum glauben.

Und plötzlich arbeitet mein Gehirn fieberhaft, ich kann es spüren. Als würden zigtausend Gedanken, Gefühle, Erinnerungen in Bruchteilen von Sekunden von einer Hirnhälfte an die andere gesendet, verarbeitet und wieder »return to sender« geschickt. Nach dem Schatten folgt Licht, so auch jetzt.

Ungefähr eine halbe Stunde, nachdem ich das Bild beendet habe, muss ich schmunzeln. Dieses Monster heißt Harvey, beschließe ich spontan und schreibe den Namen über seinen Kopf. Wenn das Grauen einen solchen Namen hat, ist es nicht mehr so ernst zu nehmen.

Völlig erledigt stehe ich auf und stelle fest, dass sich mein gesamter Schulternackenbereich anfühlt wie in einem stählernen Korsett. Ich räume die Malutensilien wieder in den Schrank und gehe verbotenerweise auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Logo, das hier ist eine Klinik, kein Hotel. Hier kann man nicht einfach so machen, was man gerne möchte. Aber das ist Harvey, dem kleinen Mädchen und mir in diesem Augenblick egal, da ich gerade eine der wichtigsten therapeutischen Erkenntnisse meines Lebens gewonnen habe – da muss man über Kleinigkeiten hinwegsehen können.

Meine Mitpatienten sind nicht in ihren Zimmern. Alles gut so weit! Ich putze mir noch einmal die Zähne und bemerke dabei, dass ich rasende Kopfschmerzen bekomme. Immer ein sehr verlässliches Zeichen dafür, was das Unbewusste gerade geleistet hat, denn ähnlich wie mit den Magenschmerzen, die mittlerweile verschwunden sind, verhält es sich mit den Kopfschmerzen. Normalerweise tut mir nichts weh. Jedenfalls nicht, wenn ich nicht gerade auf dem Pfad der Erkenntnis unterwegs bin. Recht zitterig gehe ich ins Bett, mit sehr gemischten Gefühlen.

Etwas erkannt zu haben, bedeutet langwierige emotionale Verarbeitung. Gut, da bin ich hier in der Klapse genau richtig und morgen ist »ganz zufällig« Gruppentherapie – ideale Bedingungen also, Harvey endlich den Kampf anzusagen.

Sagt Harvey. Da ich jetzt regelrecht erschossen bin, schlafe ich sofort ein.

Am nächsten Morgen treffen wir uns nach dem Frühstück um 10.00 Uhr im Gruppenraum. Ich liebe Gruppentherapie. Es ist wahnsinnig spannend zu beobachten, wie Menschen am Anfang jeder Sitzung mit der Stille umgehen. Ich meine die Art von Stille oder Schweigen, wenn keiner sich traut, den ersten Schritt zu machen und zu sprechen. Fast jedem Mitpatienten ist diese Situation absolut unangenehm. Das ist so ähnlich wie in kleinen Fahrstühlen. Man fühlt sich beobachtet, unter Druck. In der Gruppentherapie ist jedem allerdings klar, dass er oder sie etwas sagen sollte, deswegen ist man schließlich in einer Klinik.

Menschen benehmen sich in solchen Momenten oft sehr sonderbar. Sie verschränken die Arme und Beine, sehen betreten zu Boden oder an die Decke und wünschen sich sehr weit fort. Die im Raum stehende Spannung kann man fast mit den Händen greifen. Ich nehme dann gerne die Rolle des Beobachters ein, als alter Hase meinem Laienstudium frönend, sozusagen. Das hat übrigens in keiner Weise etwas mit Schadenfreude zu tun. Ich weiß aus sehr bitterer Erfahrung, wie sich ein Therapieneuling in so einer Runde fühlt. Auch ich hatte unzählige Momente, in denen ich am liebsten schreiend aus solch einem Gruppenzimmer gerannt wäre.

Unsere Gruppe ist sich mittlerweile vertraut und bis auf eine Ausnahme kommen wir gut miteinander klar. Auch außerhalb dieses Raumes. Das ist immens wichtig.

Nachdem die Therapeutin Platz genommen und uns begrüßt hat, warte ich einen Moment mit meiner Erkenntnis. Falls bei einem Mitpatienten aus der Gruppe etwas akut ansteht, möchte ich ihm oder ihr die Gelegenheit geben, zu sprechen. Doch heute scheint das nicht so zu sein. Schade. Da muss ich wohl …

Ich beginne: »Ich würde euch gerne etwas zeigen.« Und mit diesen Worten lege ich das Bild von gestern Nacht vor meinen Stuhl so auf den Boden, dass Harveys Füße in Richtung Gruppe zeigen, und sehe die Therapeutin direkt an. Wieder spüre ich die unglaubliche Tragik meiner Erkenntnis und wie es mir erneut den Hals zuschnürt. Ich will, aber kann nicht sprechen. Stine, reiß dich zusammen, ist doch schade um die kostbare Zeit hier, denke ich. Nach zwei, drei Minuten habe ich mich ein wenig gesammelt und berichte stockend, wie das Bild entstanden ist und was es für mich bedeutet.

Und schon wieder weine ich. Und plötzlich bin ich wahnsinnig wütend. Auf Harvey. Wie eine Bombe platzt innerlich eine Wutblase. Denn auf einmal wird mir die gesamte Breite von Harveys Existenz und Daseinsberechtigung klar: Er war die Rettung. Damals. Als es darum ging, auszuhalten, durchzuhalten.

Wenn dein kindliches Nein dem Vater gegenüber zu nichts führt, brauchst du eine andere Strategie. Da ich zu klein war, um bewusst strategische Entscheidungen zu treffen, hat sich mein Unterbewusstsein eine »Hilfe« organisiert. Eine Hilfe, die Situationen meisterte, mit denen ich ganz offensichtlich überfordert war. Nicht, dass ich unter einer multiplen Persönlichkeit leide. Ich bin nicht zwei Personen. Aber wenn es brenzlig wurde, stand da plötzlich eine starke Stine, die keine Angst mehr hatte. Oberflächlich betrachtet. Wie oft ich wirklich reale Angst hatte, kann ich gar nicht zählen. Als Kind und später als Jugendliche hatte ich schiere Überlebensangst.

»Harvey war doch aber auch ganz nützlich«, vernehme ich plötzlich wie aus weiter Ferne die ruhige, freundliche Stimme der Therapeutin.

»Ja«, sage ich, dankbar dafür, dass jemand mit mir spricht.‌ Jetzt weiß ich auch genau, was die Ärztin bei meiner Aufnahmeuntersuchung gemeint hatte, als sie sagte: »Wenn ich mir nur Ihren beruflichen Lebensweg anschaue, komme ich zu der Erkenntnis, dass Sie hypomanisch sind.«

Was nichts anderes bedeutet, als dass ich gar keine Angst mehr empfinden kann. Ganz so, überlege ich hinterher, ist es allerdings auch nicht. Meine »Abenteuer« waren meistens kalkuliertes Risiko. Vom Tandem-Fallschirmsprung über Kunstflug, wilde Segeltörns bei absolut grenzwertigen Windverhältnissen; alleine bin ich durch den Dschungel Costa Ricas gelaufen; durchs Wattenmeer von Neuwerk nach Sahlenburg bei auflaufendem Wasser mehr oder weniger gerannt, weil die Flut eindeutig schneller war als ich; mit hundert Wörtern der spanischen Sprache mächtig nach Gran Canaria ausgewandert und selbstverständlich mit meinem CRX die knapp 3000 Kilometer gefahren.

Irgendwie war ich darauf auch immer ein wenig stolz, denn ich kenne keine andere Frau, die auch nur annähernd solche Geschichten erzählen kann und wirklich erlebt hat.

Mann, Harvey. Du … schießt es mir durch den Kopf, denn wo ist das Mädchen von früher, wo ist die heutige Frau bei all dieser Action geblieben? Nach der Erkenntnis folgt immer die Arbeit. Das heißt, ich muss die Verschüttete finden und auferstehen lassen. Falls es nicht schon zu spät ist. Ich fände es nämlich ehrlich gesagt unerträglich, eine Leiche bergen zu müssen. Die Mitpatienten sehen mich alle ziemlich betreten an, die Therapeutin fängt mich gut auf.

Nach dieser Gruppensitzung muss ich allein sein. Ich gehe eine Runde spazieren, dies hat mir die Ärztin verschrieben: »Es ist toll, dass Sie Nordic-Walking betreiben, aber Sie müssen Ihr Leben entschleunigen, lernen Sie spazieren zu gehen! Und zwar langsam.«

Was soll ich bitte? Im ersten Augenblick habe ich gedacht, sie möchte mich auf den Arm nehmen. Mittlerweile weiß ich, was sie meint. Und so schlendere ich bis zum Mittagessen um die Klinik, die im schönsten Sonnenschein daliegt. Nach dem wieder sehr leckeren Essen gehe ich auf mein Zimmer. Ich fühle mich, als sei mir eine Dampfwalze über die Stirn gefahren, und beschließe, zu Bett zu gehen. Ruhe ist jetzt dringend nötig.

Ohne große Probleme schlafe ich meist schnell ein und bin nach zwei Stunden spätestens erholt und entspannt. Nach etwa einer Stunde wache ich jedoch auf, weil ich etwas geträumt habe, das so realistisch und klar in meiner Erinnerung ist, dass es aus einem Film sein könnte. In diesem Traum sitze ich auf dem Fußboden, auf einem weißen, ganz flauschigen Teppich. Ich sitze im Schneidersitz und vor mir befindet sich ein graurosa Etwas. Es sitzt etwa einen Meter vor mir und bei genauerem Hinsehen erkenne ich eine Art Pinguinjunges, ca. 30 Zentimeter groß. Die rosafarbene Haut schimmert deutlich durch den zarten grauen Flaum. Dieses Etwas wirkt unglaublich hilflos auf mich. Es wankt schon im Sitzen und muss sich alle Mühe geben, nicht umzufallen. Aus großen, schwarzen Augen sieht es mich fragend an.

Als es versucht aufzustehen, halte ich schützend meine Hände an seine beiden Seiten und stütze es ganz zart. Sehr behutsam macht es seinen allerersten Schritt. Auf mich zu. Unfassbar. Ich spüre eine tiefe Liebe und hoffe, dass diese ersten Gehversuche gut gehen mögen. Und dann folgt der zweite Schritt, es wankt stark und ich halte es mit der rechten Hand gestützt. Der dritte Schritt wirkt schon ein bisschen sicherer und ich nehme die Hände ein wenig beiseite. Und nun kommt es zu mir, mit kleinen Schritten. Kann mein Glück kaum fassen, als es sicher vor mir steht. Mit Tränen in den Augen nehme ich es ganz sanft auf den Arm und es schmiegt sich an mich.

Ich wache auf. Es ist vollbracht. Ich habe die Geburt meines inneren Kindes geträumt. Da ist es, das kleine, verschüttete Mädchen. Es lebt! Die ersten Gehversuche hat es bereits geschafft. Den Rest muss ich leisten. Und ich verspreche, es nie wieder so zu missachten wie all die Jahre bislang. Auch wenn es noch viel Arbeit und Aufmerksamkeit fordert.

Einen Tag später steht Einzelgespräch auf meinem Plan. Ich mag die Therapeutin sehr, da sie empathisch ist und von ihr eine große menschliche Wärme ausgeht. Ich bin sehr gespannt auf diesen Termin, weil ich hoffe, dass das, was ich glaube herausgefunden zu haben, von der Therapeutin bestätigt werden wird.

Der Termin ist morgens, gleich nach dem Frühstück. Ich gehe aufgeregt zu Frau Perdick und berichte ihr von meinem Traum. Sie ist schwer beeindruckt davon, dass ich so klare Bilder habe, und gibt mir recht. Und wieder fange ich an zu heulen.

Danach kann ich nicht mehr denken und mache einen langen Spaziergang durch den nahegelegenen wunderschönen Wald, vorbei an dem von mir geliebten Ententeich, der immer so ruhig und romantisch unter Trauerweiden liegt. Meine Kraft kehrt zurück. Und auch die Ruhe kommt langsam wieder.

Harvey, zieh dich warm an! Du bist entdeckt und ab jetzt sind wir zu zweit!

Schon wieder drei Wochen Klapse

Mai 2010

Ich liebe die Klinik und das Personal. Sogar im Speiseraum hat man das Gefühl, dass hier die Welt in Ordnung ist, soll heißen: Käseglockenfeeling. Das ist auch nötig, denn sonst wäre es kaum möglich, sich seinen Dämonen zu stellen.

Harvey empfindet sich quasi als Vollprofi, wenn es um Therapie geht, die Tage plätschern dahin und ich kann die Zeit und den Luxus der Vollverpflegung wirklich genießen. Viel ist nicht zu bearbeiten. So gehe ich denn auch hoffnungsvoll zum Termin bei der Chefärztin, in dem Glauben, noch eine kleine Verlängerung zu ergattern. Für mich bedeutet das unendlich viel, denn oft ist das Leben »draußen« für mich nicht zu ertragen. So viel Lärm, tausende Eindrücke, zu viele Menschen.

»Guten Morgen, Frau Hansen, wie ich höre, geht es Ihnen gut und Sie profitieren von der Therapie. Das freut mich wirklich, aber leider muss ich Ihnen sagen, dass ich der Verlängerung nicht zustimmen werde.«

Mir wird schlecht. Ich sehe Sterne. Sprechen kann ich nicht.

»Ich glaube«, fährt sie fort, »dass wir uns in zwei bis drei Jahren wiedersehen werden. Wenn ich diese Reha jetzt verlängere, kann es gut sein, dass die Rentenversicherung eine weitere Maßnahme nicht genehmigen wird.«

Sie entlässt mich, ich torkele schwindelig in mein Zimmer und schaffe es gerade noch, die Tür hinter mir zu schließen. In meinem Solarplexus explodiert etwas. Ich möchte schreien vor Schmerz. Meine Knie geben nach. Fast ohnmächtig rutsche ich von der Tür auf den Fußboden. Der Boden unter mir verschwimmt. Tränen in den Augen, eine eisenharte Faust ergreift mein Herz, meinen Magen, mein ganzes Ich. Ich stöhne vor Schmerzen, habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Meine Kiefergelenke beginnen zu vibrieren, die Zähne schlagen laut klappernd aufeinander. Dies ist ein Trigger der heftigsten Sorte. Bei vollem Bewusstsein. Es ist unerträglich. Die Minuten verstreichen. Ich bin am Ende.

Dreißig Minuten später versuche ich aufzustehen. Auf wackeligen Beinen schwanke ich ins Bad und rauche verbotenerweise eine Zigarette. Sollen sie mich rausschmeißen, wenn sie mich erwischen. Es ist mir egal. Die Tränen rinnen mir aus den Augen wie vom Wasserwerk gespeist. Kopfschmerzen hämmern hinter meiner Stirn. Ich möchte jetzt hier und auf der Stelle sterben. Es reicht.

Danke, liebe Eltern. Ich habe so viel Erfahrung in autogenem Training, gehe doch so oft liebevoll mit mir um und wenn es richtig hart kommt, versagen alle Mechanismen. Bevor ich anfangen kann logisch zu denken, setzt die Panikreaktion ein. Verloren! Niemand hilft dir, du bist allein. Im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein. Ausgeliefert.

Eine weitere halbe Stunde später habe ich einen Jogginganzug an und gehe mit Sonnenbrille und einer Packung Taschentücher auf die Liegewiese vor der Klinik. Die hinterste Ecke ist angebracht, es ist niemand da, außer mir und meinen Tränen. Ich heule drei Stunden und es nimmt kein Ende. Die Schmerzen versiegen, nicht meine Tränen. Was ist das immer noch für ein Elend, nach so vielen Jahren. Wann ist Ende?

Den Rest des Tages ziehe ich mich konsequent zurück, ich kann und will jetzt mit niemandem sprechen. Ich gehe nicht mal in den Speiseraum zum Abendessen. Eine Schwester klopft an die Tür und nach meinem »Herein!« schaut sie mich an. Sie weiß sofort, was los ist. Fragt, ob ich etwas brauche. »Nein«, sage ich mit gebrochener Stimme, »Danke.« – »Wenn Sie etwas brauchen, kommen Sie unbedingt ins Schwesternzimmer. Wir können auch einen Arzt holen!« – »Nein, es geht schon. Danke«, sagt Harvey und die Schwester schließt die Tür leise von draußen.

Harvey hat alles in meinem Leben allein geschafft. Harvey weiß auch, was ich jetzt brauche. Mein Erwachsenen-Ich ist für Meditation, Harvey hat etwas ganz anderes im Sinn. Wie ferngesteuert gehe ich an den Kleiderschrank und tue schon wieder etwas Verbotenes. Ich öffne eine gute Flasche Rotwein und schenke mir ein Glas ein. Habe extra von zu Hause ein langstieliges Bordeauxglas mitgebracht. Bin Profi.

Anstatt die Meditation anzuwenden, habe ich mich wieder mit einem bekannten Muster »belohnt«! Heute würde ich sagen: bestraft.

Eine komplette Flasche Rotwein und geschätzte weitere 800 Kilokalorien an Süßigkeiten bringen mir außer dem einzigen Vorteil, schnell einzuschlafen, am nächsten Morgen ein schlechtes Gewissen, einen üblen Geschmack im Mund und mal wieder das Gefühl, versagt zu haben.

Das muss anders werden. Und zwar ganz schnell.

Ach Harvey, halt die Klappe.

Mir ist absolut klar, dass das ein weiterer langer Prozess wird. Ich habe fast 40 Jahre gekämpft, auch mit mir, da wird das nicht von heute auf morgen funktionieren.

Im Grunde ist es nämlich völlig zweitrangig, wie beschissen eine Situation ist, entscheidend ist allein die Tatsache, wie ich damit umgehe.

Wie immer gilt mein Dank meinem Lektor, der sich nun unfreiwillig durch mein Elend lesen „muss“. https://www.korrekturen.de/